Die verschiedenen Auffassungen von „Intentionalität“ in der Geschichte des abendländischen Denkens

 

Die verschiedenen Auffassungen von „Intentionalität“ in der Geschichte des abendländischen Denkens

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Einleitung
Der Begriff der Intentionalität — also die Gerichtetheit des Geistes, des Leibes oder des Geistes auf ein Objekt — bildet einen roten Faden in der Geschichte der abendländischen Philosophie. Von Aristoteles über die Scholastik, von Brentano über die phänomenologische Tradition bis hin zu jüngeren Ansätzen (Scheler, Gentile, Schmitz) wurde der Begriff stetig diskutiert, erweitert und radikalisiert.
Wie Husserl pointiert: „Jedes Bewusstsein ist Bewusstsein von etwas“¹ — eine Richtungsstruktur, die sich historisch unterschiedlich manifestiert: als formale Identität, als Vermittlung durch species, als Repräsentation, als affektiver Akt, als verkörperte Motorik oder als räumlich diffuses Gefühlserleben. Dieses Essay zeichnet den genealogischen Verlauf dieser Begriffe nach, integriert wenig beachtete Beiträge (Duns Scotus, Hermann Schmitz, Giovanni Gentile) und bietet eine synthetisierende Betrachtung der Intentionalität als anthropologische und phänomenologische Kategorie.


1. Aristoteles: formale Identität von Denken und Gegenstand
Aristoteles bildet einen grundlegenden Ausgangspunkt. Für ihn ist Erkenntnis kein bloßes Abbildern der Welt, sondern ein Akt, in dem der Geist die Form des zu Erkennenden übernimmt. In den De Anima formuliert er pointiert:
„Das Denken im Akt ist dasselbe wie das Gedachte in Akt.“²
Diese Aussage markiert eine Konzeption von Intentionalität als formale Identität: Erkennen heißt, die Form des anderen anzunehmen, ohne materielle Übertragung. Es gibt keine rein repräsentative Distanz: der Akt selbst ist unmittelbare Relation.


2. Mittelalter: species, Individualität und Vorrang des Aktes

2.1 Thomas von Aquin: species intelligibiles
Die Scholastik übernimmt und differenziert aristotelische Einsichten. Thomas von Aquin entwickelt die Lehre der species intelligibiles: Formen, die dem Intellekt die Gegenstände „gegenwärtig“ machen, nicht als materielle Abbilder, sondern als intentionale Gegenwartsweisen. Wie Thomas schreibt:
„Der Intellekt erkennt das Objekt durch seine Spezies.“³
Die species sind demnach nicht ontologisch eigenständige Dinge, sondern Modi, wie Form gegenwärtig wird. Intentionalität ist hier strukturell vermittelt: Form-Aufnahme ohne materielle Reproduktion.

2.2 Duns Scotus: Intuition des Singulären und aktive Potenz
Duns Scotus erweitert das Feld. Seine Theorie der distinctio formalis erlaubt eine differenzierte Analyse der intentionalen Akte: Der Intellekt ist nicht auf bloßes Allgemeines beschränkt, sondern kann das Singuläre erkennen — nicht nur abstrakt, sondern intuitiv:
„Unser Intellekt vermag das Einzelne, wenigstens intuitiv, zu erkennen.“⁴
Für Scotus ist die Intentionalität des Intellekts daher auch eine aktive Leistung: das Erkennen beinhaltet ein Hervorheben, einen Bezug zur individuellen Existenz. Damit tritt die Subjektseite des Aktes stärker hervor: der Akt ist nicht nur passives Empfangen, sondern Mitwirken.

2.3 Wilhelm von Ockham: unmittelbare relationale Intentionalität
Ockham reagiert gegen mediationsreiche Konstruktionen (species etc.) und plädiert für eine direkte Auffassung: Intentionalität ist eine unmittelbare mentale Relation zwischen Akt und Objekt — ohne ontologische Vermittlungsentitäten. Das intentional Bezugnehmen ist somit primär ein faktisches Merkmal mentaler Zustände.⁵


3. Descartes: Intentionalität als Repräsentation
Mit Descartes verschiebt sich die Perspektive: Ideen sind nun innere Inhalte, die eine objective reality besitzen — sie verweisen auf etwas, doch der Bezug wird repräsentativ verstanden. Descartes formuliert:
„Unter ‚Idee‘ verstehe ich alles, was im Geist vorhanden ist, insofern er etwas wahrnimmt.“⁶
Damit entsteht das klassische moderne Problem: Wie stimmt die Idee mit dem äußeren Objekt überein? Intentionalität wird zum Verhältnis von innerer Repräsentation und äußerer Realität.


4. Brentano: Intentionalität als Markmal des Psychischen
Franz Brentano bringt eine entscheidende Wende: Intentionalität wird zum definierenden Merkmal des Psychischen. In der Psychologie vom empirischen Standpunkt schreibt er:
„Jedes psychische Phänomen enthält in sich etwas als Objekt, auch wenn es nicht als Ding existiert.“⁷
Für Brentano ist jeder mentale Akt gerichtet; das „Objekt“ kann auch „immanentes“ Objekt sein (im Akt präsent), unabhängig von der ontologischen Existenz. Diese Einsicht legt das Fundament für Husserl und die phänomenologische Tradition.


5. Husserl: Intentionalität als Grundstruktur der Bewusstseinsverfassung
Husserl radikalisiert Brentano. Intentionalität ist für ihn keine bloße Zuschreibung, sondern die Wesensstruktur allen Bewusstseins. In den Ideen I sowie in den Logischen Untersuchungen betont er:
„Jedes Bewusstsein ist Bewusstsein von etwas.“¹
Er führt die Begriffe Noesis (der Akt) und Noema (der intentionale Gegenstand bzw. dessen Sinnweise) ein, um die mannigfaltigen Erscheinungsmodi analytisch zu beschreiben (Wahrnehmung, Imagination, Erinnerung, Urteil). Die phänomenologische Reduktion erlaubt es, diese intentionalen Strukturen in ihrer Ursprünglichkeit zu untersuchen und die Konstitution des Sinns als Leistung der Bewusstseinsakte freizulegen.


6. Heidegger: Intentionalität als Befindlichkeit des Daseins
Heidegger kritisiert Vorstellungen, die Intentionalität lediglich als Relation innerhalb eines Subjekt-Objekt-Schemas auffassen. Stattdessen legt er mit Sein und Zeit eine ontologische Sicht vor: Das Dasein ist stets in-der-Welt-seiend; Intentionalität ist in seinem Grundmodus verankert:
„Erkennen ist nicht ein bloßes Vor-Sich-Hinstellen, sondern ein Sein-in-der-Welt.“⁸
So wird Intentionalität in erster Linie praktisch-situativ und vorreflexiv, eingebettet in Sorge, Zuhandenheit und Weltbezüge.


7. Merleau-Ponty: leibliche Intentionalität
Maurice Merleau-Ponty führt die phänomenologische Debatte weiter und betont die Verkörperung der Intentionalität. In der Phénoménologie der Wahrnehmung schreibt er:
„Das Bewusstsein ist ursprünglich ein Sich-Hinwenden zur Welt durch den Leib.“⁹
Die Intentionalität ist demnach streckenweise motorisch: Bereits im Leib findet eine grundlegende, präreflexive Ausrichtung auf die Welt statt — ein „Ich-kann“, das die Möglichkeit von Wahrnehmung, Handlung und Bedeutung konstituiert.


8. Max Scheler: affektive Intentionalität und Werte
Max Scheler erweitert den Intentionalitätsbegriff um eine dimensionale Achse: die Affektivität. Gefühle sind nach Scheler keine bloßen inneren Begleitphänomene, sondern autonome intentional gerichtete Akte, die Werte offenbaren:
„Fühlen ist immer Fühlen von etwas.“¹⁰
Werte erscheinen in affektiven Akten als phänomenologische Gegebenheiten — nicht als bloße Projektionen. Damit wird die Intentionalität doppelt: kognitiv und wert-affektiv zugleich; der Mensch erscheint als Wert-Wesensein.


9. Giovanni Gentile: Intentionalität als reiner Akt
Giovanni Gentile radikalisiert das Verständnis, indem er die Intentionalität in das Zentrum seiner Theorie des Atto puro stellt. Für ihn ist das Subjekt nicht ein Träger von Akten, sondern die Tätigkeit selbst: das Denken ist Akt, und dieser Akt setzt das Objekt:
„Der Denkakt setzt das Objekt; er setzt es, er setzt es nicht voraus.“¹¹
In Gentiles Aktualismus ist Intentionalität nicht primär Relation, sondern Selbst-Produktion des Geistes: Subjekt und Objekt sind im Akt untrennbar vereinigt.


10. Hermann Schmitz: Leib, leiblicher Raum und Gefühlsatmosphären
Hermann Schmitz’ Neue Phänomenologie bringt eine der markantesten Neuerungen des 20. Jahrhunderts: die Intentionalität wird nicht primär als mentaler Akt, sondern als leiblich-räumliche Erschütterung verstanden. Drei Kernmomente charakterisieren seinen Beitrag:

10.1 Die leibliche Intentionalität
Schmitz unterscheidet strikt zwischen Körper (Körper-Objekt) und Leib (leibliches Fühlen). Der Leib ist kein Gegenstand, sondern der Ort der affektiven Präsenz. Er schreibt von einer „Leiblichkeit“, die das Subjekt-Objekt-Schema durchbricht: Intentionalität ist hier eine Beziehung, die aus dem Leib heraus stattfindet.

10.2 Der leibliche Raum
Der Raum ist für Schmitz nicht nur geometrisch, sondern erfahren: ein leiblicher Raum, der durch Gefühlszustände strukturiert ist. Orte erscheinen „nah“ oder „fern“ in Abhängigkeit von leiblichen Tonalitäten; Räume sind von Stimmungen durchzogen.

10.3 Gefühle als Atmosphären (Gefühlsräume)
Sein wohl originellster Beitrag ist die Konzeption von Gefühlen als Atmosphären:
„Gefühle verbreiten sich wie Atmosphären, die uns umfassen und in denen wir stehen.“¹²
Angst, Freude oder Beklemmung sind demnach keine rein psychischen Inhalte, sondern raum-zeitliche Phänomene, die Personen, Räume und Situationen gleichzeitig formen. Intentionalität wird so zu einem phänomenalen Geschehen, das sich leiblich und räumlich vollzieht — ein Konzept, das Verbindungslinien zu aktuellen Debatten über „affektive Atmosphären“ und „embodied moods“ aufweist.


Schluss
Die historische Reise durch die Konzeptionen der Intentionalität zeigt eine beständige Neubestimmung des Begriffs: von Aristoteles’ formaler Identität über die scholastischen Vermittlungen, die kartesianische Repräsentation, die brentanianisch-phänomenologische Wende, die leibliche Vertiefung Merleau-Pontys bis hin zu Schelers Wert-Intentionalität, Gentiles Akt-Monismus und Schmitz’ atmosphärischer Körperlichkeit. Intentionalität erweist sich damit nicht als ein statisches Konzept, sondern als dynamisches Feld, in dem Ontologie, Erkenntnistheorie, Ethik und Anthropologie miteinander verschränken.

Für die Gegenwart bedeutet dies: jede umfassende Theorie des Geistes, des Subjekts oder des Affekts muss die Mannigfaltigkeit intentionaler Formen berücksichtigen — kognitive, affektive, motorische, räumliche und konstitutive Akte. Intentionalität bleibt somit ein unverzichtbares Instrumentarium für das Verständnis dessen, wie Menschen die Welt eröffnen, deuten und mit ihr handeln.


Quellen / Literatur

  1. Edmund Husserl, Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie (Ideen I), 1913, § 84.

  2. Aristoteles, De Anima (Über die Seele), Buch III, Kapitel 8 (431b).

  3. Thomas von Aquin, Summa Theologiae, I, q.85, a.2.

  4. Duns Scotus, Ordinatio, II, Distinctiones, (vgl. ed. Vatican), X.

  5. Wilhelm von Ockham, Summa Logicae (ed. Ockham Werke).

  6. René Descartes, Meditationes de prima philosophia (Meditationen), III.

  7. Franz Brentano, Psychologie vom empirischen Standpunkt, 1874, S. 129.

  8. Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 21.

  9. Maurice Merleau-Ponty, Phénoménologie de la perception (Die Phänomenologie der Wahrnehmung), 1945.

    10. Max Scheler, Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik, 1916, Halle a. d. Saale, S. 25.

    11. Giovanni Gentile, Teoria generale dello spirito come atto puro, Pisa 1916, S. 14.

    12. Hermann Schmitz, Der Gefühlsraum, Bonn 1969, S. 57.


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