Die verschiedenen Auffassungen von „Intentionalität“ in der Geschichte des abendländischen Denkens
Die verschiedenen Auffassungen von „Intentionalität“ in der Geschichte des abendländischen Denkens
© 2025 Alessandro Ialenti. Alle Rechte vorbehalten.
Einleitung
Der Begriff der Intentionalität —
also die Gerichtetheit des Geistes, des Leibes oder des Geistes auf
ein Objekt — bildet einen roten Faden in der Geschichte der
abendländischen Philosophie. Von Aristoteles über die Scholastik,
von Brentano über die phänomenologische Tradition bis hin zu
jüngeren Ansätzen (Scheler, Gentile, Schmitz) wurde der Begriff
stetig diskutiert, erweitert und radikalisiert.
Wie Husserl
pointiert: „Jedes Bewusstsein ist Bewusstsein von etwas“¹ —
eine Richtungsstruktur, die sich historisch unterschiedlich
manifestiert: als formale Identität, als Vermittlung durch species,
als Repräsentation, als affektiver Akt, als verkörperte Motorik
oder als räumlich diffuses Gefühlserleben. Dieses Essay zeichnet
den genealogischen Verlauf dieser Begriffe nach, integriert wenig
beachtete Beiträge (Duns Scotus, Hermann Schmitz, Giovanni Gentile)
und bietet eine synthetisierende Betrachtung der Intentionalität als
anthropologische und phänomenologische Kategorie.
1. Aristoteles: formale Identität von Denken und
Gegenstand
Aristoteles bildet einen grundlegenden
Ausgangspunkt. Für ihn ist Erkenntnis kein bloßes Abbildern der
Welt, sondern ein Akt, in dem der Geist die Form des zu Erkennenden
übernimmt. In den De Anima formuliert er pointiert:
„Das
Denken im Akt ist dasselbe wie das Gedachte in Akt.“²
Diese
Aussage markiert eine Konzeption von Intentionalität als formale
Identität: Erkennen heißt, die Form des anderen anzunehmen, ohne
materielle Übertragung. Es gibt keine rein repräsentative Distanz:
der Akt selbst ist unmittelbare Relation.
2. Mittelalter: species, Individualität und Vorrang des Aktes
2.1 Thomas von Aquin: species intelligibiles
Die
Scholastik übernimmt und differenziert aristotelische Einsichten.
Thomas von Aquin entwickelt die Lehre der species intelligibiles:
Formen, die dem Intellekt die Gegenstände „gegenwärtig“ machen,
nicht als materielle Abbilder, sondern als intentionale
Gegenwartsweisen. Wie Thomas schreibt:
„Der Intellekt erkennt
das Objekt durch seine Spezies.“³
Die species sind demnach
nicht ontologisch eigenständige Dinge, sondern Modi, wie Form
gegenwärtig wird. Intentionalität ist hier strukturell vermittelt:
Form-Aufnahme ohne materielle Reproduktion.
2.2 Duns Scotus: Intuition des Singulären und aktive
Potenz
Duns Scotus erweitert das Feld. Seine Theorie der
distinctio formalis erlaubt eine differenzierte Analyse der
intentionalen Akte: Der Intellekt ist nicht auf bloßes Allgemeines
beschränkt, sondern kann das Singuläre erkennen — nicht nur
abstrakt, sondern intuitiv:
„Unser Intellekt vermag das
Einzelne, wenigstens intuitiv, zu erkennen.“⁴
Für Scotus ist
die Intentionalität des Intellekts daher auch eine aktive Leistung:
das Erkennen beinhaltet ein Hervorheben, einen Bezug zur
individuellen Existenz. Damit tritt die Subjektseite des Aktes
stärker hervor: der Akt ist nicht nur passives Empfangen, sondern
Mitwirken.
2.3 Wilhelm von Ockham: unmittelbare relationale
Intentionalität
Ockham reagiert gegen mediationsreiche
Konstruktionen (species etc.) und plädiert für eine direkte
Auffassung: Intentionalität ist eine unmittelbare mentale Relation
zwischen Akt und Objekt — ohne ontologische Vermittlungsentitäten.
Das intentional Bezugnehmen ist somit primär ein faktisches Merkmal
mentaler Zustände.⁵
3. Descartes: Intentionalität als Repräsentation
Mit
Descartes verschiebt sich die Perspektive: Ideen sind nun innere
Inhalte, die eine objective reality besitzen — sie
verweisen auf etwas, doch der Bezug wird repräsentativ verstanden.
Descartes formuliert:
„Unter ‚Idee‘ verstehe ich alles, was
im Geist vorhanden ist, insofern er etwas wahrnimmt.“⁶
Damit
entsteht das klassische moderne Problem: Wie stimmt die Idee mit dem
äußeren Objekt überein? Intentionalität wird zum Verhältnis von
innerer Repräsentation und äußerer Realität.
4. Brentano: Intentionalität als Markmal des
Psychischen
Franz Brentano bringt eine entscheidende
Wende: Intentionalität wird zum definierenden Merkmal des
Psychischen. In der Psychologie vom empirischen Standpunkt
schreibt er:
„Jedes psychische Phänomen enthält in sich etwas
als Objekt, auch wenn es nicht als Ding existiert.“⁷
Für
Brentano ist jeder mentale Akt gerichtet; das „Objekt“ kann auch
„immanentes“ Objekt sein (im Akt präsent), unabhängig von der
ontologischen Existenz. Diese Einsicht legt das Fundament für
Husserl und die phänomenologische Tradition.
5. Husserl: Intentionalität als Grundstruktur der
Bewusstseinsverfassung
Husserl radikalisiert Brentano.
Intentionalität ist für ihn keine bloße Zuschreibung, sondern die
Wesensstruktur allen Bewusstseins. In den Ideen I sowie in
den Logischen Untersuchungen betont er:
„Jedes
Bewusstsein ist Bewusstsein von etwas.“¹
Er führt die Begriffe
Noesis (der Akt) und Noema (der intentionale Gegenstand bzw. dessen
Sinnweise) ein, um die mannigfaltigen Erscheinungsmodi analytisch zu
beschreiben (Wahrnehmung, Imagination, Erinnerung, Urteil). Die
phänomenologische Reduktion erlaubt es, diese intentionalen
Strukturen in ihrer Ursprünglichkeit zu untersuchen und die
Konstitution des Sinns als Leistung der Bewusstseinsakte freizulegen.
6. Heidegger: Intentionalität als Befindlichkeit des
Daseins
Heidegger kritisiert Vorstellungen, die
Intentionalität lediglich als Relation innerhalb eines
Subjekt-Objekt-Schemas auffassen. Stattdessen legt er mit Sein
und Zeit eine ontologische Sicht vor: Das Dasein ist stets
in-der-Welt-seiend; Intentionalität ist in seinem Grundmodus
verankert:
„Erkennen ist nicht ein bloßes Vor-Sich-Hinstellen,
sondern ein Sein-in-der-Welt.“⁸
So wird Intentionalität in
erster Linie praktisch-situativ und vorreflexiv, eingebettet in
Sorge, Zuhandenheit und Weltbezüge.
7. Merleau-Ponty: leibliche Intentionalität
Maurice
Merleau-Ponty führt die phänomenologische Debatte weiter und betont
die Verkörperung der Intentionalität. In der Phénoménologie
der Wahrnehmung schreibt er:
„Das Bewusstsein ist
ursprünglich ein Sich-Hinwenden zur Welt durch den Leib.“⁹
Die
Intentionalität ist demnach streckenweise motorisch: Bereits im Leib
findet eine grundlegende, präreflexive Ausrichtung auf die Welt
statt — ein „Ich-kann“, das die Möglichkeit von Wahrnehmung,
Handlung und Bedeutung konstituiert.
8. Max Scheler: affektive Intentionalität und Werte
Max
Scheler erweitert den Intentionalitätsbegriff um eine dimensionale
Achse: die Affektivität. Gefühle sind nach Scheler keine bloßen
inneren Begleitphänomene, sondern autonome intentional gerichtete
Akte, die Werte offenbaren:
„Fühlen ist immer Fühlen von
etwas.“¹⁰
Werte erscheinen in affektiven Akten als
phänomenologische Gegebenheiten — nicht als bloße Projektionen.
Damit wird die Intentionalität doppelt: kognitiv und wert-affektiv
zugleich; der Mensch erscheint als Wert-Wesensein.
9. Giovanni Gentile: Intentionalität als reiner
Akt
Giovanni Gentile radikalisiert das Verständnis,
indem er die Intentionalität in das Zentrum seiner Theorie des Atto
puro stellt. Für ihn ist das Subjekt nicht ein Träger von
Akten, sondern die Tätigkeit selbst: das Denken ist Akt, und dieser
Akt setzt das Objekt:
„Der Denkakt setzt das Objekt; er setzt
es, er setzt es nicht voraus.“¹¹
In Gentiles Aktualismus ist
Intentionalität nicht primär Relation, sondern Selbst-Produktion
des Geistes: Subjekt und Objekt sind im Akt untrennbar vereinigt.
10. Hermann Schmitz: Leib, leiblicher Raum und
Gefühlsatmosphären
Hermann Schmitz’ Neue
Phänomenologie bringt eine der markantesten Neuerungen des 20.
Jahrhunderts: die Intentionalität wird nicht primär als mentaler
Akt, sondern als leiblich-räumliche Erschütterung verstanden. Drei
Kernmomente charakterisieren seinen Beitrag:
10.1 Die leibliche Intentionalität
Schmitz
unterscheidet strikt zwischen Körper (Körper-Objekt) und Leib
(leibliches Fühlen). Der Leib ist kein Gegenstand, sondern der Ort
der affektiven Präsenz. Er schreibt von einer „Leiblichkeit“,
die das Subjekt-Objekt-Schema durchbricht: Intentionalität ist hier
eine Beziehung, die aus dem Leib heraus stattfindet.
10.2 Der leibliche Raum
Der Raum ist für
Schmitz nicht nur geometrisch, sondern erfahren: ein leiblicher Raum,
der durch Gefühlszustände strukturiert ist. Orte erscheinen „nah“
oder „fern“ in Abhängigkeit von leiblichen Tonalitäten; Räume
sind von Stimmungen durchzogen.
10.3 Gefühle als Atmosphären (Gefühlsräume)
Sein
wohl originellster Beitrag ist die Konzeption von Gefühlen als
Atmosphären:
„Gefühle verbreiten sich wie Atmosphären, die
uns umfassen und in denen wir stehen.“¹²
Angst, Freude oder
Beklemmung sind demnach keine rein psychischen Inhalte, sondern
raum-zeitliche Phänomene, die Personen, Räume und Situationen
gleichzeitig formen. Intentionalität wird so zu einem phänomenalen
Geschehen, das sich leiblich und räumlich vollzieht — ein Konzept,
das Verbindungslinien zu aktuellen Debatten über „affektive
Atmosphären“ und „embodied moods“ aufweist.
Schluss
Die historische Reise durch die
Konzeptionen der Intentionalität zeigt eine beständige
Neubestimmung des Begriffs: von Aristoteles’ formaler Identität
über die scholastischen Vermittlungen, die kartesianische
Repräsentation, die brentanianisch-phänomenologische Wende, die
leibliche Vertiefung Merleau-Pontys bis hin zu Schelers
Wert-Intentionalität, Gentiles Akt-Monismus und Schmitz’
atmosphärischer Körperlichkeit. Intentionalität erweist sich damit
nicht als ein statisches Konzept, sondern als dynamisches Feld, in
dem Ontologie, Erkenntnistheorie, Ethik und Anthropologie miteinander
verschränken.
Für die Gegenwart bedeutet dies: jede umfassende Theorie des Geistes, des Subjekts oder des Affekts muss die Mannigfaltigkeit intentionaler Formen berücksichtigen — kognitive, affektive, motorische, räumliche und konstitutive Akte. Intentionalität bleibt somit ein unverzichtbares Instrumentarium für das Verständnis dessen, wie Menschen die Welt eröffnen, deuten und mit ihr handeln.
Quellen / Literatur
Edmund Husserl, Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie (Ideen I), 1913, § 84.
Aristoteles, De Anima (Über die Seele), Buch III, Kapitel 8 (431b).
Thomas von Aquin, Summa Theologiae, I, q.85, a.2.
Duns Scotus, Ordinatio, II, Distinctiones, (vgl. ed. Vatican), X.
Wilhelm von Ockham, Summa Logicae (ed. Ockham Werke).
René Descartes, Meditationes de prima philosophia (Meditationen), III.
Franz Brentano, Psychologie vom empirischen Standpunkt, 1874, S. 129.
Martin Heidegger, Sein und Zeit, 1927, S. 21.
Maurice Merleau-Ponty, Phénoménologie de la perception (Die Phänomenologie der Wahrnehmung), 1945.
10. Max Scheler, Der Formalismus in der Ethik und die materiale Wertethik, 1916, Halle a. d. Saale, S. 25.
11. Giovanni Gentile, Teoria generale dello spirito come atto puro, Pisa 1916, S. 14.
12. Hermann Schmitz, Der Gefühlsraum, Bonn 1969, S. 57.
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