Der Begriff der Anschauung in der abendländischen Philosophie
Der
Begriff der Anschauung in der abendländischen Philosophie
(Alessandro Ialenti)
Das
Wort »Anschauung« wird
seit dem Anfang der griechischen Philosophie unterschiedlich
verwendet. Schon Platon und Aristoteles haben das philosophische Denken mit einem Akt
der Anschauung in Zusammenhang gebracht. Das griechische Zeitwort
θάομαι lässt sich mit »anschauen, bewundern, betrachten«
übersetzen. Diese drei Tätigkeiten des Geistes oder der Seele
beziehen sich zuerst auf das Philosophieren an sich. Das Denken ist
ein Akt der Anschauung als Erfahrung des philosophierenden Menschen.
Die gesamte abendländische Philosophie ist von dieser Einstellung
sehr stark eingeprägt: Das Wort »Theorie«
stammt aus dem oben erwähnten Zeitwort θάομαι und das Wort
»Idee« stammt aus der Vergangenheitsform (εἶδον) von ὁράω
(anschauen, sehen, wahrnehmen): Ich habe es gesehen, also ich weiß.
Platon weißt eindeutig auf diesen Begriff hin, indem er schreibt:
οὗτος μὲν οἴεταί τι εἰδέναι οὐκ
εἰδώς, ἐγὼ δέ, ὥσπερ οὖν οὐκ οἶδα,
οὐδὲ οἴομαι· ἔοικα γοῦν τούτου γε
σμικρῷ τινι αὐτῷ τούτῳ σοφώτερος
εἶναι, ὅτι ἃ μὴ οἶδα οὐδὲ οἴομαι
εἰδέναι.“ (Πλάτων, Ἀπολογία
Σωκράτους, 21d).1
Platon
hält es für möglich, die ewigen, universellen Ideen direkt zu
erfahren. Platon deutet diese nicht-empirische Anschauung der Ideen
in Analogie zu der optischen Wahrnehmung.
Innerhalb der modernen abendländischen Philosophie lässt sich der Begriff der Anschauung aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten:
Innerhalb der modernen abendländischen Philosophie lässt sich der Begriff der Anschauung aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten:
In dem traditionellen Empirismus (Locke) bedeutet Anschauung die
Einheit einer Reihe Sinnesdaten immer voll und ganz gegeben.2 Im
späteren Empirismus (J. S. Mill) bedeutet Anschauung die logisch
und methodologisch kontrollierte Sinneserfahrung.3
In dem kritischen Idealismus (Kant) lässt sich dieser Begriff einteilen: Kant unterscheidet zwischen empirischen und reiner Anschauung. Die empirische Anschauung setzt ein Material von Sinnesdaten bzw. Empfindungen voraus, welches in der Anschauung durch die zwei Formen der transzendentalen Sinnlichkeit (Zeit und Raum) gestaltet wird.4
Die Reihe der Sinnesdaten ergibt als solche noch keine Dingerfahrung, kein Erfahrungswissen; dazu bedarf es weiterer Formgebung, zu der die Anschauung beiträgt. Die beiden Anschauungsformen sind Gegenstand der reinen Anschauung, d.h. unabhängig von jedem konkreten Wahrnehmungsmaterial (apriori). Davon leitet Kant ab, dass sich eine reine und nicht empirische Mathematik und Geometrie begründen lässt. Nach Kant sei der Mensch nicht dazu fähig, das Ding an sich, zu erkennen: Der Mensch kann das Ding an sich denken, aber nicht erkennen, weil sich die Anschauungsformen nur auf die Erscheinungswelt der Phänomene beziehen. Als Wesen mit endlichem Verstand bedarf der Menschen, um etwas zu erkennen, immer die Empfindung von etwas. So bleibt der Verstand auf die Sinne angewiesen, um empirische Vorstellungen zu bilden. Alle menschliche Anschauung ist an die Sinneserfahrung gebunden. Kant weist zurück, dass es möglich ist, etwas durch eine intellektuelle Anschauung ohne Hilfe des Verstandes unmittelbar zu erkennen: Der Verstand wäre hinsichtlich seines materialen Gehaltes nicht mehr Sinnesrezeption bedürftig, sondern schöpferisch.
In dem kritischen Idealismus (Kant) lässt sich dieser Begriff einteilen: Kant unterscheidet zwischen empirischen und reiner Anschauung. Die empirische Anschauung setzt ein Material von Sinnesdaten bzw. Empfindungen voraus, welches in der Anschauung durch die zwei Formen der transzendentalen Sinnlichkeit (Zeit und Raum) gestaltet wird.4
Die Reihe der Sinnesdaten ergibt als solche noch keine Dingerfahrung, kein Erfahrungswissen; dazu bedarf es weiterer Formgebung, zu der die Anschauung beiträgt. Die beiden Anschauungsformen sind Gegenstand der reinen Anschauung, d.h. unabhängig von jedem konkreten Wahrnehmungsmaterial (apriori). Davon leitet Kant ab, dass sich eine reine und nicht empirische Mathematik und Geometrie begründen lässt. Nach Kant sei der Mensch nicht dazu fähig, das Ding an sich, zu erkennen: Der Mensch kann das Ding an sich denken, aber nicht erkennen, weil sich die Anschauungsformen nur auf die Erscheinungswelt der Phänomene beziehen. Als Wesen mit endlichem Verstand bedarf der Menschen, um etwas zu erkennen, immer die Empfindung von etwas. So bleibt der Verstand auf die Sinne angewiesen, um empirische Vorstellungen zu bilden. Alle menschliche Anschauung ist an die Sinneserfahrung gebunden. Kant weist zurück, dass es möglich ist, etwas durch eine intellektuelle Anschauung ohne Hilfe des Verstandes unmittelbar zu erkennen: Der Verstand wäre hinsichtlich seines materialen Gehaltes nicht mehr Sinnesrezeption bedürftig, sondern schöpferisch.
Das
wäre eine Aporie, obzwar Kant in der späteren Kritik der
Urteilskraft spricht rein hypothetisch von einem anderen als dem
menschlichen Verstand, nämlich dem »intellectus archetypus«.6
Dieser Verstand würde den Gegensatz zwischen Begriff des Verstandes
(Form) und dem Besonderen der Erscheinungen (Phänomene) nicht
kennen. Was aber noch unklar erschient, ist die Verbindung zwischen
unserem Verstand und dieser Art des Verstandes. Wie bekannt, versucht
Kant diese Kluft durch die Idee einer praktischen Vernunft, zu
überwinden, aber rein theoretisch bleibt seine Lehre etwas
problematisch.7
Auf diese Aporie weisen sowohl die deutschen Idealisten (Fichte, Schelling, Hegel), als auch die italienischen Idealisten (Croce, Gentile) hin.
Bei den Idealisten wird der hypothetische Charakter der intellektuellen Anschauung völlig aufgehoben, wobei es einige Unterschiede zwischen diesen Denkern gibt. Fichte, der als Begründer des deutschen Idealismus gilt, setzt voraus, dass die intellektuelle Anschauung in einem Selbstbewusstsein bestehe.8
Im reinen Selbstbewusstsein besteht also eine unmittelbare Subjekt-Objekt Identität, wobei ein Primat des Subjekts besteht. Schelling übernimmt diese Idee, aber richtet sich mehr auf die ästhetische Anschauung, welche an sich die transzendentale bzw. intellektuelle Anschauung verbinde.9 Hegel weist aber den Begriff der intellektuellen Anschauung zurück, indem er den subjektiven Idealismus von Fichte und den objektiven Idealismus Schellings erweitern möchte. Das Hauptproblem dieser früheren idealistischen Auffassung der intellektuellen Anschauung besteht Hegels Erachtens darin, dass diese intellektuelle Anschauung eine abstrakte absolute Identität voraussetzt, die erst bewiesen und nachgewiesen werden soll.10 Hegel wandelt die transzendentale Anschauung in die absolute Idee um, welche sich in eine Phänomenologie des Geistes als Verwirklichung des Selbstbewusstseins entfaltet.11
Croce übernimmt einige Begriffe des hegelianischen Idealismus, wobei er eine interessante Kritik an das Denkverfahren der hegelianischen Dialektik übt: Laut Croce hat Hegel die Dialektik der Gegensätze (dialettica degli opposti) mit der Dialektik der Unterscheidungen (dialettica dei distinti) verwechselt.12 In seiner »Philosophie des Geistes« (Filosofia dello spirito) unterscheidet Croce zwischen einem theoretischem und einem praktischen Gebiet des Geistes.Das theoretische Gebiet setzt sich aus Ästhetik und Logik zusammen, während das praktische Gebiet sich in Ökonomie und Ethik eingliedert.13 Der Begriff der Anschauung wurde von Croce nur in Bezug auf die ästhetische Aktivität als Voraussetzung für die logische Tätigkeit des Geistes übernommen. Die Anschauung ist für Croce mit der Ausdrucksfähigkeit des Geistes gleichzusetzen. Die Anschauung ist das Wesen der Kunst als intuitive Tätigkeit, die unmittelbar ist.14 Das logische Denken des reinen Begriffes (concetto puro) ist also nur möglich, wenn es vorher eine kreative Anschauung als kreativer und lyrischer Akt stattgefunden hat. Die Auffassung Croce tendiert dazu, die Kunst an sich von der Philosophie als logisches Denken zu unterscheiden, ohne sie zu trennen. Er versucht die Idee einer Anschauung als Rezeption im Sinne Kants zu überwinden, indem er auch die Identität der ästhetischen Anschauung mit der theoretischen Anschauung von Schelling ablehnt. Nichtsdestotrotz gibt es für Croce eine Wechselwirkung zwischen der ästhetischen (Anschauung als unmittelbarer Ausdruck) und der logischen Tätigkeit (reiner Begriff als deduktives Denken). Anderes als Croce geht Gentile, Begründer des sogenannten Aktualismus, davon aus, dass die unmittelbare Anschauung an sich abstrakt ist, insofern die einzige echte Erkenntnis diejenige des Selbstbegriffs (autoconcetto) und der reinen Erfahrung (esperienza pura) ist, die nicht anders als die Erfahrung des Denkens als absolute freie geistige Tätigkeit sei.15Gentile nimmt Bezug auf die Wissenschaftslehre Fichtes und auf die Dialektik Hegels, obschon er wichtige Kritiken an Fichte und Hegel übt.16 Fichte habe Gentiles Erachtens den Vorrang des Denkens als Akt des Selbstbewusstseins richtig eingesehen, obschon Fichte das Objekt als bloßes Produkt der transzendentalen Einbildungskraft begreift: Das ist für Gentile nicht plausibel, weil das Subjekt und das Objekt zugleich aus der Erfahrung des Selbstbegriffs entstehen.17 Das Subjekt setzt also nicht das Objekt an, sondern das Denken als „reiner Akt“ (atto puro) setzt sowohl das Subjekt als auch das Objekt an. Es gibt also keine intellektuelle Anschauung sondern ein reiner Akt, in welchem die Anschauung mit der reinen Erfahrung des Selbstbegriffs gleichzusetzen ist. Gentile übernimmt die Idee der hegelianischen Dialektik, aber er kritisiert die dogmatische Struktur der hegelianischen Logik, welche die Idee eines abstrakten und leeren Seins voraussetzt, als ob die Idee an sich vor dem konkreten Akt des Denkens existieren würde. Das ist für Gentile grundsätzlich falsch, weil nur das Denken als Akt an sich existiert. Selbst die Idee einer Philosophie der Natur ist für Gentile abstrakt, insofern kein Gegenstand vor dem Akt des Denkens als unabdingbare Tätigkeit existiere. Der Aktualismus überwindet alle anderen idealistischen Philosophien: die Radikalisierung des Denkens als Akt ist mit der Aufhebung der kantischen Unterscheidung zwischen Denken und Erkennen: Das Denken ist zugleich ein Akt der Erkennens, insofern der Mensch denkendes Wesen ist. Im Grunde kritisiert Gentile jede abstrakte metaphysische Voraussetzung, die eine unmittelbare externe Realität voraussetzt.18
Jede Anschauung ist vermittelbar, weil sie sich auf die Anwesenheit der jeweiligen reinen Erfahrung des Selbstbegriffs bezieht. In diesem Zusammenhang gibt es eine starke Ähnlichkeit zwischen dem Aktualismus und der transzendentalen Phänomenologie Husserls.
Husserl unterschiedet phänomenologisch zwischen sinnlicher Anschauung und kategorialen Anschauung ein. Die sinnliche Anschauung ist die unmittelbare Wahrnehmung, aber sie liefert den Stoff der echten phänomenologischen Anschauung, die Husserl als kategoriale Anschauung bezeichnet. Die kategoriale Anschauung beinhalte für Husserl die direkte Erfahrung eines Gegenstandes in seiner ursprünglicher Anwesenheit innerhalb des Bewusstseins.19
Die sinnliche Anschauung bildet die Grundlage (als Stoff) für alle anderen Anschauungsakte, aber die Erfahrung eines Sachverhaltes, die in der kategorialen Anschauung stattfindet, überschreitet die bloße empirische Anschauung und erfasst einen Gegenstand nicht-empirischer Art.
Max Scheler übt aber eine interessante Kritik an den von Husserl eingeführten Unterschied zwischen sinnlicher Anschauung und kategorialer Anschauung, indem Scheler zwischen ersten sinnlichen Daten und Qualitäten und mentalen vermittelten Kategorie des Verstandes nicht unterscheid. Für Scheler gibt eine zugrunde liegende Anschauung, die unmittelbar uns bestimmte Werte oder Werteigenschaften eines intentionalen Gehaltes liefert. Die phänomenologische Erforschung hat das Ziel, diese Wesensschau, die sich nicht nur rein begrifflich, sondern emotional zeigen lässt, zur Erschauung zu bringen. Das Anschauen wird also mehr als eine bloße Intuition mit einer innerlichen Evidenz für das anschauende Subjekt, sondern ein Akt der Selbstgegebenheit von Werten, die nicht Konstruktion von dem Verstand bzw. der Vernunft sind. Bei Scheler hat also die Wertwahrnehmung Vorrang von der bloßen Wahrnehmung von Dingen und sinnlichen Gegenstanden. Das führt zur einen Erweiterung des intentionalen Aktes des Anschauens an sich und zu einer Überwindung jeder dualistischen philosophischen Erkenntnistheorie. Scheler schreibt, wie bereit erwähnt: »Phänomenologische oder reine Tatsache ist eine Tatsache, die durch den Gehalt einer unmittelbaren Anschauung zur Gegebenheit kommt. Den Gehalt einer solchen Anschauung nennen wir Phänomen«.20 Die phänomenologische Tatsache kommt durch das Phänomen bzw. Gehalt einer unmittelbaren Anschauung zur Gegebenheit. Im Grunde lässt sich die Vielfältigkeit der Anschauung aus verschiedenen Blickwinkeln philosophisch betrachten, weil das Philosophieren darin besteht, die verschiedenen Denkwege, die sich auf verschiedene Anschauungsakte beziehen, aufzuklären, ohne diese Denkwege auf bloße deterministische bzw. mechanische Beobachtungen zu reduzieren. Das Philosophieren besteht in einem selbstreflexiven, phänomenologischen hermeneutischen Akt der Sinngebung und nicht in einer bloßen Beobachtung von dogmatischen wissenschaftlichen Formeln.21
Auf diese Aporie weisen sowohl die deutschen Idealisten (Fichte, Schelling, Hegel), als auch die italienischen Idealisten (Croce, Gentile) hin.
Bei den Idealisten wird der hypothetische Charakter der intellektuellen Anschauung völlig aufgehoben, wobei es einige Unterschiede zwischen diesen Denkern gibt. Fichte, der als Begründer des deutschen Idealismus gilt, setzt voraus, dass die intellektuelle Anschauung in einem Selbstbewusstsein bestehe.8
Im reinen Selbstbewusstsein besteht also eine unmittelbare Subjekt-Objekt Identität, wobei ein Primat des Subjekts besteht. Schelling übernimmt diese Idee, aber richtet sich mehr auf die ästhetische Anschauung, welche an sich die transzendentale bzw. intellektuelle Anschauung verbinde.9 Hegel weist aber den Begriff der intellektuellen Anschauung zurück, indem er den subjektiven Idealismus von Fichte und den objektiven Idealismus Schellings erweitern möchte. Das Hauptproblem dieser früheren idealistischen Auffassung der intellektuellen Anschauung besteht Hegels Erachtens darin, dass diese intellektuelle Anschauung eine abstrakte absolute Identität voraussetzt, die erst bewiesen und nachgewiesen werden soll.10 Hegel wandelt die transzendentale Anschauung in die absolute Idee um, welche sich in eine Phänomenologie des Geistes als Verwirklichung des Selbstbewusstseins entfaltet.11
Croce übernimmt einige Begriffe des hegelianischen Idealismus, wobei er eine interessante Kritik an das Denkverfahren der hegelianischen Dialektik übt: Laut Croce hat Hegel die Dialektik der Gegensätze (dialettica degli opposti) mit der Dialektik der Unterscheidungen (dialettica dei distinti) verwechselt.12 In seiner »Philosophie des Geistes« (Filosofia dello spirito) unterscheidet Croce zwischen einem theoretischem und einem praktischen Gebiet des Geistes.Das theoretische Gebiet setzt sich aus Ästhetik und Logik zusammen, während das praktische Gebiet sich in Ökonomie und Ethik eingliedert.13 Der Begriff der Anschauung wurde von Croce nur in Bezug auf die ästhetische Aktivität als Voraussetzung für die logische Tätigkeit des Geistes übernommen. Die Anschauung ist für Croce mit der Ausdrucksfähigkeit des Geistes gleichzusetzen. Die Anschauung ist das Wesen der Kunst als intuitive Tätigkeit, die unmittelbar ist.14 Das logische Denken des reinen Begriffes (concetto puro) ist also nur möglich, wenn es vorher eine kreative Anschauung als kreativer und lyrischer Akt stattgefunden hat. Die Auffassung Croce tendiert dazu, die Kunst an sich von der Philosophie als logisches Denken zu unterscheiden, ohne sie zu trennen. Er versucht die Idee einer Anschauung als Rezeption im Sinne Kants zu überwinden, indem er auch die Identität der ästhetischen Anschauung mit der theoretischen Anschauung von Schelling ablehnt. Nichtsdestotrotz gibt es für Croce eine Wechselwirkung zwischen der ästhetischen (Anschauung als unmittelbarer Ausdruck) und der logischen Tätigkeit (reiner Begriff als deduktives Denken). Anderes als Croce geht Gentile, Begründer des sogenannten Aktualismus, davon aus, dass die unmittelbare Anschauung an sich abstrakt ist, insofern die einzige echte Erkenntnis diejenige des Selbstbegriffs (autoconcetto) und der reinen Erfahrung (esperienza pura) ist, die nicht anders als die Erfahrung des Denkens als absolute freie geistige Tätigkeit sei.15Gentile nimmt Bezug auf die Wissenschaftslehre Fichtes und auf die Dialektik Hegels, obschon er wichtige Kritiken an Fichte und Hegel übt.16 Fichte habe Gentiles Erachtens den Vorrang des Denkens als Akt des Selbstbewusstseins richtig eingesehen, obschon Fichte das Objekt als bloßes Produkt der transzendentalen Einbildungskraft begreift: Das ist für Gentile nicht plausibel, weil das Subjekt und das Objekt zugleich aus der Erfahrung des Selbstbegriffs entstehen.17 Das Subjekt setzt also nicht das Objekt an, sondern das Denken als „reiner Akt“ (atto puro) setzt sowohl das Subjekt als auch das Objekt an. Es gibt also keine intellektuelle Anschauung sondern ein reiner Akt, in welchem die Anschauung mit der reinen Erfahrung des Selbstbegriffs gleichzusetzen ist. Gentile übernimmt die Idee der hegelianischen Dialektik, aber er kritisiert die dogmatische Struktur der hegelianischen Logik, welche die Idee eines abstrakten und leeren Seins voraussetzt, als ob die Idee an sich vor dem konkreten Akt des Denkens existieren würde. Das ist für Gentile grundsätzlich falsch, weil nur das Denken als Akt an sich existiert. Selbst die Idee einer Philosophie der Natur ist für Gentile abstrakt, insofern kein Gegenstand vor dem Akt des Denkens als unabdingbare Tätigkeit existiere. Der Aktualismus überwindet alle anderen idealistischen Philosophien: die Radikalisierung des Denkens als Akt ist mit der Aufhebung der kantischen Unterscheidung zwischen Denken und Erkennen: Das Denken ist zugleich ein Akt der Erkennens, insofern der Mensch denkendes Wesen ist. Im Grunde kritisiert Gentile jede abstrakte metaphysische Voraussetzung, die eine unmittelbare externe Realität voraussetzt.18
Jede Anschauung ist vermittelbar, weil sie sich auf die Anwesenheit der jeweiligen reinen Erfahrung des Selbstbegriffs bezieht. In diesem Zusammenhang gibt es eine starke Ähnlichkeit zwischen dem Aktualismus und der transzendentalen Phänomenologie Husserls.
Husserl unterschiedet phänomenologisch zwischen sinnlicher Anschauung und kategorialen Anschauung ein. Die sinnliche Anschauung ist die unmittelbare Wahrnehmung, aber sie liefert den Stoff der echten phänomenologischen Anschauung, die Husserl als kategoriale Anschauung bezeichnet. Die kategoriale Anschauung beinhalte für Husserl die direkte Erfahrung eines Gegenstandes in seiner ursprünglicher Anwesenheit innerhalb des Bewusstseins.19
Die sinnliche Anschauung bildet die Grundlage (als Stoff) für alle anderen Anschauungsakte, aber die Erfahrung eines Sachverhaltes, die in der kategorialen Anschauung stattfindet, überschreitet die bloße empirische Anschauung und erfasst einen Gegenstand nicht-empirischer Art.
Max Scheler übt aber eine interessante Kritik an den von Husserl eingeführten Unterschied zwischen sinnlicher Anschauung und kategorialer Anschauung, indem Scheler zwischen ersten sinnlichen Daten und Qualitäten und mentalen vermittelten Kategorie des Verstandes nicht unterscheid. Für Scheler gibt eine zugrunde liegende Anschauung, die unmittelbar uns bestimmte Werte oder Werteigenschaften eines intentionalen Gehaltes liefert. Die phänomenologische Erforschung hat das Ziel, diese Wesensschau, die sich nicht nur rein begrifflich, sondern emotional zeigen lässt, zur Erschauung zu bringen. Das Anschauen wird also mehr als eine bloße Intuition mit einer innerlichen Evidenz für das anschauende Subjekt, sondern ein Akt der Selbstgegebenheit von Werten, die nicht Konstruktion von dem Verstand bzw. der Vernunft sind. Bei Scheler hat also die Wertwahrnehmung Vorrang von der bloßen Wahrnehmung von Dingen und sinnlichen Gegenstanden. Das führt zur einen Erweiterung des intentionalen Aktes des Anschauens an sich und zu einer Überwindung jeder dualistischen philosophischen Erkenntnistheorie. Scheler schreibt, wie bereit erwähnt: »Phänomenologische oder reine Tatsache ist eine Tatsache, die durch den Gehalt einer unmittelbaren Anschauung zur Gegebenheit kommt. Den Gehalt einer solchen Anschauung nennen wir Phänomen«.20 Die phänomenologische Tatsache kommt durch das Phänomen bzw. Gehalt einer unmittelbaren Anschauung zur Gegebenheit. Im Grunde lässt sich die Vielfältigkeit der Anschauung aus verschiedenen Blickwinkeln philosophisch betrachten, weil das Philosophieren darin besteht, die verschiedenen Denkwege, die sich auf verschiedene Anschauungsakte beziehen, aufzuklären, ohne diese Denkwege auf bloße deterministische bzw. mechanische Beobachtungen zu reduzieren. Das Philosophieren besteht in einem selbstreflexiven, phänomenologischen hermeneutischen Akt der Sinngebung und nicht in einer bloßen Beobachtung von dogmatischen wissenschaftlichen Formeln.21
Copyright © 2010 - 2017 pensiero pensante by Alessandro Ialenti. All rights reserved Alessandro Ialenti 2017
Fussnoten:
1„Dieser
doch meint zu wissen, da er nicht weiß, ich aber, wie
ich eben nicht weiß, so meine ich es auch nicht. Ich scheine
also um dieses wenige doch weiser zu sein als er, dass ich, was ich
nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen.“ (Platon,
Apologie des Sokrates, 21d)
2
»Diese beiden, Intuition und Demonstration, sind die Grade unserer
Erkenntnis. Alles, was nicht einer diesen beiden entspricht, ist –
wie zuversichtlich man es auch annehmen mag – bloßer Glaube oder
Meinung, aber nicht Erkenntnis.«, J. Locke, Versuch über den
menschlichen Verstand in vier Büchern, Bd. 1., Buch I und II,
5. Auflage, Meiner, Hamburg 2000, S. 35.
3
J.S. Mill, A System of Logic, Ratiocinative and Inductive, Being
a Connected View of the Principles of Evidence, and the Methods of
Scientific Investigation, 1843, Bd. II, 76 ff.
4I.
Kant, Kritik der reinen Vernunft, 1787, tr. Ästh. § 1, 76
ff.
5Ebd.,
88 ff.
6I.
Kant, Kritik der Urteilskraft, Königsberg, 1781, § 77
7Der
Grund liegt daran, dass Kant von einer nicht erkenntnisfähigen
Anschauung redet, obwohl der Akt des Anschauung, wie die moderne
Phänomenologie genau zeigt, an sich, abgesehen von dem rationalen
Verstand an sich einen intentionalen erkenntnistheoretischen Gehalt
hat.
8 J.
G. Fichte, Über den Begriff der Wissenschaftslehre oder der
sogenannten Philosophie, Weimar, 1794, § 4
9 »Die
intellektuelle Anschauung ist das Organ alles transzendentalen
Denkens« (F. W. J. Schelling, Sämt. Werke 1, III, 369).
10 G.
W. F. Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie
III, Jub.-Ausg. Bd. 19, S 655.
11 G.
W. F. Hegel, Phänomenologie des Geistes, Bamberg und
Würzburg, 1807, 1052 ff.
12 B.
Croce, La logica come scienza del concetto puro, Bari 1909,
69-72.
13 Siehe:
B. Croce Filosofia come Scienza dello Spirito. Bibliopoli,
Neapel 1996 (4 Bde., Nachdr. d. Ausg. Mailand 1902/17)
14 B.
Croce, Estetica come scienza dell'espressione e linguistica
generale, a. a. O., cap. I.
15 Siehe:
G. Gentile. Teoria generale dello spirito come atto puro,
Firenze 1911.
16 Siehe:
G. Gentile, Sistema di logica come Teoria dell Conoscere, Firenze
2003, Bd. II, 164-167.
17 Ebd,
Bd. II, 74-114.
18 In
dieser Hinsicht lehnt Gentile die von Hegel vertretene Idee eines
Vorrangs des Seins vor dem Denken ab. Siehe: G. Gentile, La
riforma della dialettica hegeliana, Firenze
1913.
19 E.
Husserl, Logische Untersuchungen, 1901, Bd. II, 600 - 633.
21 M.
Scheler, Die Lehre von der drei Tatsachen, GW, Schriften aus
dem Nachlass, X, 433.
22 Um
sich einen Überblick über die unterschiedlichen Methoden des
modernen Philosophierens in Bezug auf die Wissenschaft zu
verschaffen, sind folgende Bücher lesenswert: Tatjana
Schönwälder-Kuntze, Philosophische Methoden zur Einführung,
Hamburg 2015; Diego Marconi, Filosofia e scienza cognitiva,
Turin 2001.
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