Der Begriff der Philosophie bei Immanuel Kant und seine Aktualität
Der Begriff der Philosophie bei Immanuel Kant und seine Aktualität
(Alessandro F. Hermann Ialenti)
In der gesamten abendländischen Philosophie hat man sich oft gefragt, was Philosophie ist. Das Wort stammt aus dem Alt-Griechisch und wird oft mit Liebe ( φιλία) zur Weisheit (σοφία) übersetzt, obzwar eine bessere Übersetzung meines Erachtens wäre: »das Lieben zur Weisheit«, insofern sich die Stammform φιλέω auf die Tätigkeit des Liebens bezieht. Das Lieben ist die Tätigkeit und die Weisheit ist das Objekt, auf welches sich das Lieben richtet. Ausgehend von dieser Auffassung möchte ich mein Augenmerk auf den von Immanuel Kant dargestellten Begriff der Philosophie bzw. des Philosophierens legen, insofern er aus meiner Sicht die Aktualität des Philosophierens unabhängig von allen Formen der wissenschaftlichen und naturalistischen deterministischen Ansätzen auf den Punkt bringt. Philosophie lässt für Kant nicht lernen, denn eine abgeschlossene, allgemeingültige Philosophie als bestimmtes Fach existiert nicht. Man kann nur philosophieren lernen.1 Die philosophische Vernunfterkenntnis ist die »aus Begriffen«. Aus diesem Grund lässt sich die Philosophie als subjektive Vernunfterkenntnis erlernen. Man könne laut Kant höchsten »philosophieren« lernen und außerdem die Geschichte der Philosophie begreifen. Das System aller philosophischen Ansätze ist an sich die Philosophie. Die erste Aufgabe des philosophieren bestehe darin, diese Auffassungen objektiv zu nehmen, wenn man darunter das Urbild der Beurteilung aller Erklärungsversuche zu philosophieren versteht, welches jede subjektive bzw. individuelle Philosophie zu beurteilen dienen soll, deren theoretischen Gebäude oft so mannigfaltig und so veränderlich ist. In diesem Zusammenhang ist die Philosophie eine bloße Idee von einer möglichen Wissenschaft, die nirgend in concreto gegeben ist, bis wann sich der Mensch von allen Formen von irrationalen Ängsten, Befürchtungen und abergläubische Denkweisen durch das aufgeklärte philosophische Denken, nicht befreit. Bis dahin kann man keine absolute Philosophie lernen, aber es ist möglich, zu philosophieren: Der Mensch, der die Weisheit liebt, versucht, das Denkvermögen der Vernunft in der Befolgung ihrer allgemeinen Prinzipien an gewissen vorhandenen Versuchen, zu üben, doch immer mit Vorbehalt des Recht der Vernunft, jene selbst in ihren Quellen zu erforschen und zu bestätigen oder zu verwerfen.2 In diesem Zusammenhang stellt Kant auch eine andere Ebene des Philosophiere heraus, welche normativ und pragmatisch orientiert ist: Die Philosophie als Wissenschaft von der Beziehungen aller Erkenntnis auf die wesentlichen Zwecke der menschliche Vernunft (teleologia rationis humanae) und der Philosoph nicht ein Vernunftkünstler, sondern der Gesetzgeber der menschlichen Vernunft.3 Der Philosoph leistet einen Beitrag zur theoretischen und ethischen Verbesserung der Menschheit bei, indem er sich auf die Gesetzgebung der Vernunft bezieht. Dadurch bestimmt der Philosoph nicht dogmatisch, sondern kritisch und pragmatisch die Grenze und die Zwecke der Erkenntnis für das Wohl der Menschheit. Dieser Punkt ist sehr wichtig, um die Verhältnisse zwischen den theoretischen und praktischen (ethischen) Bereichen des Philosophierens besser zu begreifen. Das Philosophieren ist für Kant mit der transzendentalen Möglichkeiten und Grenzen der theoretischen und praktischen Vernunft verbunden. Das Philosophieren als kritisches Denkvermögen ist das Gegenteil des Dogmatismus jeder unkritischen Metaphysik, insofern der Dogmatismus der Metaphysik darin besteht, sich ohne Kritik der reinen Vernunft fortzukommen, um sich als dogmatische Wahrheit darzustellen. Die Kritik der reinen Vernunft wendet sich gegen den unkritischen Dogmatismus einer Metaphysik, die über die Grenze der reinen Vernunft hinauslaufen will, aber die sich in eine irrationale dogmatische Einstellung umwandelt, die laut Kant negative Aspekte für die Sittlichkeit des Menschen hat. Dieser Punkt ist meines Erachtens extrem aktuell, wenn man an die gegenwärtigen Formen vom religiösen oder politisch-ideologischen Fanatismus denkt. Die Philosophie muss also eine kritische und konstruktive Wissenschaft sein ohne, dass sie sich in eine »Philodoxie« verwandeln lässt.4 Das Lieben zur richtigen Weisheit ist kein Lieben zur bloßen unkritischen Meinung, sondern zur vernünftigen Lebensweisheit, die darauf abzielt, das Erkenntnisvermögen des Menschen zu erweitern, wenn es um theoretische Vernunft geht und zugleich, den Menschen moralisch zu orientieren, wenn es sich um die praktische Vernunft handelt: »Die Philosophie ist entweder Erkenntnis aus reiner Vernunft oder Vernunfterkenntnis aus empirischen Prinzipien. Die erstere heißt reine, die zweite empirische Philosophie.«5 In diesem Zusammenhang ist es wichtig, zu beachten, dass Kant die theoretische Philosophie nicht als bloße kontemplative Tätigkeit, sondern als »Propädeutik« zur Metaphysik als System der reinen Vernunft: Die Philosophie zielt ab, die Grenzen und die Möglichkeit der transzendentalen Erkenntnis (Metaphysik) zu erforschen. Die Metaphysik setzt sich vier Gebieten zusammen: 1) Transzendentalphilosophie (Ontologie) , 2) Rationale Psychologie, 3) Rationale Kosmologie, 4) Rationale Theologie. Die Philosophie als kritische Propädeutik kommt zu dem Ergebnis, dass: die Natur in dem, was Menschen ohne Unterschied angelegen ist, keiner parteiischen Austeilung ihrer Gaben zu beschuldigen sei, und die höchste Philosophie in der Ansehung der wesentlichen Zwecke der menschlichen Natur es nicht weiter bringen könne als die Leitung, welche sie auch dem gemeinsten Verstand hat angedeihen lassen.6 Hier weist Kant darauf hin, dass die Aufgabe einer kritischen Philosophie in einer rationelle Leitung der theoretischen und praktischen Erkenntnis besteht. Aus diesem Grund ist die Philosophie mit einem Aufklärungsprozess, der darauf abzielt, die Amphibolie der Reflexionsbegriffe als Verwechslung des empirischen Verstandes mit dem transzendentalen, zu vermeiden. Der Mensch ist ein Lebewesen, welches dazu fähig ist, sich über etwas zu überlegen und die Philosophie als Kritik dient dazu, diese reflexive Dimension des Gemüts zu erhellen und aufzuklären: Die Überlegung (reflexio) hat es nicht mit den Gegenständen selbst zu tun, um geradezu von ihnen Begriffe zu bekommen, sondern ist der Zustand des Gemüts, in welchem wir uns zuerst dazu anschicken, um die subjektive Bedingungen ausfindig zu machen, unter denen wir zu Begriffen gelangen können. Sie (die Überlegung) ist das Bewusstsein des Verhältnisses gegebener Vorstellungen zu unseren verschiedenen Erkenntnisquellen, durch welches allein ihr Verhältnis unter einander richtig bestimmt werden kann (…) alle Urteile, ja alle Vergleichungen bedürfen eine Überlegung, d.i. einer Unterscheidung der Erkenntniskraft, wozu die gegebenen Begriffe gehören.7 Eine wichtige Aufgabe der transzendentalen Kritik besteht darin, das Verhältnis zwischen verschiedenen Erkenntnisbegriffen, die aus unterschiedlichen Bereichen stammen, richtig zu bestimmten, um einen unangemessenen dogmatischen Gebrauch von Vernunftbegriffen zu vermeiden und Missverständnisse aus dem philosophischen Weg zu räumen. Hierbei gibt es meines Erachtens eine aktuelle Einstellung zur Philosophie und zu seiner Ziele. Die Philosophie beschäftigt sich nicht nur mit empirischen Gegenständen, sondern mit den transzendentalen Voraussetzungen jeder Erkenntnisform in Bezug auf die Selbstdarstellung oder der Überlegungsfähigkeit des Bewusstseins, dem zufolge zeichnet sich die Philosophie dadurch aus, jeden unkritischen und dogmatischen Gebrauch von Begriffen zu kritisieren, wenn sich dieser Gebrauch als unmittelbare Evidenz mit allgemeiner Gültigkeit darstellen möchte, um jede Form von ideologischen und unvernünftigen Missbrauch der Erkenntnis zu vermeiden. In diesem Zusammenhang schlägt Kant den kritischen Weg zur Überwindung aller reduktionistischen und deterministischen Ansätze ein, die sich oft in dogmatische und unkritische Denkhaltungen umwandeln.
(Alessandro F. Hermann Ialenti©2016)

Commenti
Posta un commento